Phase 1: Anfang

Schreibe deinen Redeanlass auf ein leeres Blatt im Format A4 – jetzt sofort!

Auch wenn du noch keinen einzigen Einfall notieren kannst – diese Geste, das Blatt Papier anzulegen, markiert einen Anfang und setzt einen vielschichtigen Prozess in Gang.

Ein Fokus wird gesetzt, eine innere Tür für Einfälle wird geöffnet, aus einem bloßen Gedanken wird etwas reelles.

Wie war das - "auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt"...

Gib dem Papier einen guten Platz!

Es soll dir möglichst oft vor Augen sein – und geht niemand anderen etwas an.

Also leg es irgendwo hin, wo du immer wieder mal "drüber stolperst". So nervt es dich ein wenig und hindert dich daran, der Tendenz zum Aufschieben allzu sehr nachzugeben.

Einen guten Platz sollte das Papier (und damit dein ganzes Redeprojekt) auch in deinem Inneren finden. Stell es dir als einen guten Freund vor, der dir gerne zuhört und jede deiner Ideen wertschätzt und willkommen heißt.

Das heißt auch: Mach dir bewusst, dass in deinem Unbewussten dieses harmlose Papier manchmal das Gesicht eines strengen Lehrers oder eines neidischen Kollegen annimmt. Das geschieht so leicht.

Aber mit einem kleinen Ritual kannst du solche Denk-/Fühlgewohnheiten überlisten:

Zwinkere deinem Papier zu: "Wir schaffen das, das wird klasse!"

Notiere hier jeden Einfall, auch scheinbar belanglose und sinnlose!

Urteile und sortiere später. Jetzt ist jeder Einfall wichtig, einfach weil er dir einfällt.

Es gibt so ein stilles Selbstsabotageprogramm, mit dem wir unsere eigenen Kreationen ständig abwerten.

Du kannst dem sanft entgegen steuern, indem du auch deine „kleinen“ Ideen würdigst.

Schreibe auch Henkelwörter auf! Ein Henkelwort ist eines, das an sich nichts vernünftiges besagt, an dem du aber einen Einfall oder ein Erlebnis später wieder herholen kannst.

Ein Beispiel: Eine Schranktüre klemmt und das macht dich so wütend, dass du dagegen trittst und dir dabei weh machst. So kennst du dich gar nicht. Was war da los? Du ahnst, dass es mit deiner bevorstehenden Rede zu tun hat. Also schreib "Schranktür" auf dein Blatt. Es ist der Henkel, an dem du dir diesen Wutausbruch in einer ruhigen Minute her holen und anschauen kannst.

Sprich den wichtigsten Satz deiner Rede laut aus!

Egal wann und wo - im Auto, beim Spaziergang, bei der erstbesten Gelegenheit – es ist wichtig, dass du etwas sagst. z.B. „Leute, passt mal auf: XXX (= das, was dir am wichtigsten ist)".

Du willst eine Rede vorbereiten, und dabei musst du redend starten, sonst landest du in einer Schreibe.

Zwischendurch wirst du ein paar Zusammenhänge vielleicht schriftlich formulieren wollen. Ganz okay. Aber geh dann immer wieder in diese Haltung, diese innere Vorstellung "Ich sage euch jetzt was." "Leute, dieser Zusammenhang ist knifflig, aber ich erkläre ihn jetzt mal: X - X - X."

Kleiner Trick: Auch wenn du auf der Straße oder im Biergarten sichtbar bist, kannst du vor dich hin sprechen - halte einfach dein ("auses") Handy ans Ohr...

Lass dich auf diese Tipps ein, ohne an ihnen zu kleben.

Vielleicht hast du, wenn es ums Reden geht, deine Routinen im Tun - und im Vermeiden.

Ich möchte dich dazu verleiten, Neues zu entdecken - bei dir selber, bei der Hörerschaft, bei diesem Unterfangen Rede, sogar beim Thema, über das du sprichst.

Misstraue deinen schnellen Urteilen, vertraue deiner Lust am Probieren.

Jeder dieser Tipps möchte dich aus alten Gleisen herausholen und in Bewegung bringen.

Wie war das, als du zu zum ersten Mal eine Yoga-Übung gemacht hast? Als du zum ersten Mal getanzt hast? Man kommt sich bescheuert vor, nicht wahr? Aber dann geht einem eine Welt auf...

Es geht nicht darum, diese Tipps richtig oder vollständig oder erfolgreich zu absolvieren. Überhaupt mal probieren...

Entdecke den Spür-Sinn deiner Rede!

Der begriffliche Sinn deiner Rede - also das, was sich in Worten ausdrücken lässt - umfasst mehrere Schritte, hat Einzelinformationen, wägt Für und Wider ab.

Daneben gibt es jedoch den gespürten Sinn (wenn du dazu mehr wissen magst, beschäftige dich mit dem Konzept des „felt sense“ von Eugene Gendlin). Er ist, auch bei einem ganz komplexen Sachverhalt, ein einziger. Einmal entdeckt, dient er beim Entfalten und beim Halten der Rede als Kompass, zeigt immer wieder die Richtung und verteilt automatisch die Gewichte richtig.

Du brauchst nicht deinen Kopf anzustrengen. So geht es:

Sorge für ein paar ungestörte Augenblicke. Hilfreich ist, wenn du innerlich einen Platz frei räumst: Du schaust auf die Dinge, die dir gerade durch den Kopf gehen und legst sie - eins nach dem andern - auf die Seite. Später wirst du dich wieder damit beschäftigen.

Wenn es etwas ruhiger in dir geworden ist, lade den Gesamt-Sinn deiner Rede (oder eines Teil-Themas davon) ein, sich von dir spüren zu lassen. Lausche entspannt; gib dir etwa 30 Sekunden Zeit dafür, so lange braucht das. „Etwas“ baut sich vor deiner Herzgegend auf, es mag sich neblig anfühlen und nicht auf einen Begriff zu bringen sein, du kannst es aber deutlich von anderen Gefühlsinhalten unterscheiden.

Verweile einfach ein paar Augenblicke damit.

Vielleicht magst du ein "Henkelwort" dazu kommen lassen (vgl. Tipp 3). Dann kannst du später leichter wieder zu diesem felt-sense, diesem Spür-Sinn zurückkommen.

Manchmal kann man "damit" sogar richtig ins Gespräch kommen. Fragen könnten sein: "Wie geht es dir?" "Was brauchst du, damit es dir besser geht?" "Möchtest du mir etwas sagen?" "Was brauchst du, damit du es mir deutlicher zeigen kannst?"

Probier mal.

Du wirst merken: Es geht hier nicht um Gefühlsduselei, sondern um eine erweiterte Bandbreite von Informationsgewinnung und -verarbeitung.

Zeitmanagement: Faul, aber nicht dumm!

"Faul darfst du sein, aber nicht dumm!" - das ist so ein Spruch unter Handwerkern. Gilt auch für uns Mundwerker (den Kalauer konnte ich mir nicht verkneifen...)

Natürlich hängt dein Zeitmanagement von vielen spezifischen Faktoren ab (Thema, Anlass, deine allgemeine Arbeitsstruktur...), die ich hier nicht kenne und nicht behandeln kann. Aber ein paar Dinge könnten doch zutreffen:

Das Wichtigste ist oben Tipp 1: Sofort beginnen! Dashalb plädiere ich für einen ersten Schritt, der nicht mehr als eine Minute braucht: Ein Blatt Papier hinlegen. Der Witz ist: Ab jetzt läuft der Prozess. Auch wenn du nicht am Schreibtisch sitzt, arbeitet "es" in dir. Ein Fernsehkrimi spielt dir ein Stichwort zu, eine scheinbare Ablenkung hilft dir, das ganze (Rede-)Projekt mit neuen Augen anzuschauen...

Das gilt für jeden Schritt: Nimm dir wenig vor, und das mach dann auch! Es hat keinen Wert, im Geiste eine endlose Liste mit allem anzufertigen, was du noch tun könntest und müsstest, damit es perfekt wird - du wirst diese Liste hassen und tausend Gründe finden, nicht dran zu gehen. Dagegen ein kleiner und leistbarer Schritt (die genaue Bedeutung eine Begriffes nachschlagen, die Namen der drei wichtigsten Personen aufschreiben, die du unbedingt erwähnen willst, den Begrüßungssatz einmal laut aussprechen...) bringt dich überhaupt wieder "rein", und wenn es für dich stimmig ist, bleibst du dabei und arbeitest noch dies und noch das, fast ohne es zu merken.

Und auch das ist immer wichtig: Drangehen - und dann auch sauber aufhören! Verstau dein Material, schalte bewusst auf eine andere Tätigkeit um, gib dir Urlaub von diesem Rededings. Denn nicht das Arbeiten ermüdet, sondern dieses halbherzige Drandenkenunddochnichtstun.

 

Mache deine Hörerschaft zu deinen Partnern

Deine Fantasie beschäftigt sich sowieso mit dem Moment deines Auftritts. Du kannst die Qualität dieser Beschäftigung (und ihre sehr realen Auswirkungen auf dich und deine Rede) beeinflussen, indem du bewusst die Initiative ergreifst. Stell dir also vor: Jetzt stehe ich vor meiner Hörerschaft. Beobachte: Was löst das (auch schon in der Vorstellung) bei mir aus? Urteile nicht, aber mach Notizen. So kommst du zu Informationen, die sich als wichtig erweisen können.

Nimm wahr, welche Bilder du von deiner (künftigen) Hörerschaft hast: Eine passive, anonyme Menge? Verbergen sich in ihr Neider – Konkurrenten – Feinde?

Akzeptiere die Bilder, die die Angst dir einflößt, und lass daneben ein anderes Bild treten: Sieh deine Hörerschaft als Partner, die dein wesentliches Interesse teilen – die die Rede als ein gemeinsames Unterfangen sehen – und die dir ebenso wie sich selbst Erfolg dabei wünschen.

Öffne dich bewusst für die besten Potenziale

Eine Rede halten löst – hoffentlich! - einige Aufregung bei dir aus. Es kann alles mögliche passieren. Es bringt dich mit deinen schlimmsten Ängsten in Kontakt (und du bist gut dran, wenn du dich traust, sie zu spüren), aber auch mit deiner größten Sehnsucht.

Stelle dich bewusst nicht nur auf unliebsame, sondern auch auf liebsame Überraschungen ein: Vielleicht bewirkst du mit deiner Rede mehr und größeres, als du dir bewusst vorgenommen hast.

Lächle.

Entscheide dich, frei zu sprechen!

Frei sprechen heißt nicht, dass du alles „im Kopf“ haben musst. Du kannst papiergestützt sprechen und dabei ein Höchstmaß an Hörerkontakt verwirklichen. Und das ist etwas anderes als papiergebunden zu sprechen, von der Hörerschaft durch die Vorlage getrennt.

Wir schauen uns die technischen Aspekte noch an – jetzt geht es erst mal um die Entscheidung. Irgendwann hast du dich auch entschieden, den Sprung vom 5-Meter-Brett zu wagen, dich auf ein Surfbrett oder ein Snowboard zu stellen.

Tu etwas, was du gerne tust!

Nimm dir Zeit für etwas, was dir Freude macht. Lass es etwas sein, wobei du ohne Anstrengung aktiv bist und was keine Routine für dich ist. Ich denke eher an einen Spaziergang als an zwei Stunden vor dem Fernseher, eher an eine Tischtennis-Partie mit dem Neffen als einen Marathonlauf.

Lass diese Stimmung, diese Energie von spielerischer Aktivität in deine „Arbeit an der Rede“ einfließen.

Dieses Einfließen geschieht meist ganz alleine. Du kannst es unterstützen, indem du

- wenn du mittem im "Flow" bist, der Rede einen kurzen Gedanken, einen Blitzbesuch in der Vorstellung schenkst, und

- wenn im Kontakt mit deinem Papier mal kurz die Hände wie beim Ping-Pong oder die Füße wie beim genussvollen Schlendern in der Natur bewegst...