Phase 4: Auftritt

Tritt vor und sag - nichts!

Vielleicht spürst du den Druck, jetzt sofort liefern zu müssen.

Dieser erste Augenblick gehört aber dir: Du wirst präsent.

Es braucht nur einen Herzschlag, einen Atemzug lang zu sein.

Du wirst zum Mittelpunkt des Geschehens. Lass allen Elementen - in dir und in der Hörerschaft - einen Moment, sich auf dieses neue Zentrum hin auszurichten.

Es wird dir durch die ganze Rede hindurch nützen.

Ganz praktisch: Geh an den Platz, von dem aus du sprichst, spüre einen Augenblick lang in deine Füße, spüre den Kontakt deiner Füße mit dem Boden.

Nimm einen Atemzug und mach dich mit deinem Blick präsent

Gleich kannst du loslegen, aber gönn dir noch eine Sekunde:

Beobachte einen Atemzug, aus - ein. Du wirst vielleicht deine Aufregung, dein Bauchweh spüren, vielleicht eine Beklemmung. Das braucht nicht anders zu sein, du brauchst es nicht wegzudrängen. Es genügt, dass es mit dem Atemzug DEINE Aufregung, DEINE Beklemmung geworden ist, Teil von dir. Damit wird es - obwohl es sich nach wie vor unangenehm anfühlen mag - Energie, die dir zur Verfügung steht.

Gleichzeitig schau in dein Publikum. Dein Blick kontrolliert nichts, wirbt nicht um Aufmerksamkeit oder Wohlwollen, verspricht nichts.

Dein Blick öffnet den gemeinsamen Raum, in dem deine Rede sich jetzt ereignen wird.

Nichts Aufsehen erregendes, nur ein Augen-Blick, dennoch wichtig.

Richte das Mikrofon aus, wenn nötig

Das Mikrofon sollte auf deinen Mund zeigen. Je nach der Körpergröße der Vorrednerin/des Vorredners und deiner eigenen ist vielleicht eine Korrektur nötig.

Mehr sollte für die Technik nicht nötig sein. Irgendwo sitzt jemand, der die Lautstärke auf dich abstimmt. Die Anlage ist (hoffentlich) vorher eingestellt und erprobt worden. Jetzt ist nicht der Moment für "Ainszwai, ainszwai - hören Sie mich?". Das sollte erledigt sein und die Technik funktionieren.

 

Nutze eine etwaige Störung zum Kontakt

Vielleicht gibt es eine Störung, ein Pfeifen, eine Rückkoppelung, vielleicht donnert aber auch ein Flugzeug über euch weg oder eine U-Bahn unter euch durch. Dann ist es gut, wenn du noch einmal kurz in deine Füße spürst - einen Atemzug nimmst - einen Blick mit dem Publikum wechselst. Ihr habt gerade etwas zusammen erlebt. Du brauchst nicht dafür Verantwortung übernehmen (begründen, entschuldigen...), es nicht einmal unbedingt kommentieren.

Du nimmst wahr: Da ist/war eine Störung. Und teilst diese Wahrnehmung mit den Hörerinnen und Hörern durch einen Blick. Gut.

Lass die allerersten Worte ohne Bedeutungsfracht

Der Hörer / die Hörerin braucht ein paar Sekundenbruchteile, um sich auf deine Stimme einzustellen. Deine Aussprache, deine Dialektfärbung (oder ihr Fehlen), dein Sprechtempo - einfach die Art, WIE du redest, macht etwas mit der hörenden Person und sie braucht einen Moment, um sich darauf einzutunen.

Daher hat es einen Sinn, mit einer Begrüßungformel zu beginnen. Es wäre jedenfalls schade, wenn du eine wichtige Aussage in den allerersten Satz packtest und sie käme nicht an, weil die Hörenden noch mit dem WIE beschäftigt sind und nicht auf das WAS achten können.

Das ist nach ein, zwei Sekunden schon anders und du kannst richtig loslegen.

Gönn dir Nanopausen, um mit dem Spür-Sinn deiner Rede im Kontakt zu bleiben

Weißt du noch? in der Phase 1, wo es um den Anfang deiner Arbeit an der Rede ging, habe ich den Spür-Sinn, den felt sense deiner Rede vorgestellt. Vielleicht klang es damals kompliziert, aber inzwischen hast du dich und andere Menschen bewusster beim Reden beobachtet und hast festgestellt: Es ist etwas ganz natürliches. Es ist der "Ort" in dir, aus dem spontan die Worte, ihre Betonung, ihr Tempo entspringen.

Geh während deiner Rede ab und zu mit deinem Spüren für einen Sekundenbruchteil zu diesem "Ort", nimm eine Nano(Mikro-, Mini-)pause lang Kontakt dazu auf, einfach durchs Hinspüren.

In diesen kurzen Augenblicken, die dir bald zur Gewohnheit werden (wie das Schalten beim Autofahren), geschehen wichtige Regulierungen: Du merkst, ob du mit deiner inneren Spannung noch bei deiner Hauptaussage bist, ob Tempo und Lautstärke angemessen sind, ob deine Hörerschaft einen Moment zum Nachdenken oder eine neue Information braucht.

All das geschieht fast unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, du brauchst keine Mühe darauf zu verwenden. Du hast - du bist - eine wunderbare Maschine, die alle mögliche Arten von Informationen und Signale aufnehmen, verarbeiten und in Impulse umsetzen kann.

Wenn du es - immer wieder mal - zulässt.

Wenn du stecken bleibst - gratuliere dir!

Du bleibst stecken, du verlierst den Faden - etwas in dir meldet "Katastrophe!" und gerät in Panik.

Sachte, sachte, lass uns mal hinschauen, was wirklich passiert in diesem Moment.

Okay, dein "Faden" ist weg, also die mentale Spur von Begriff zu Begriff, die du dir gelegt hattest. Aha.

Gleichzeitig geschieht aber noch etwas anderes: Es tritt eine Unterbrechung in den Abläufen ein, ein kleiner Moment von Unvorhersagbarkeit.

Und das ist das Geschenk der Panne, an dich und an die Hörerschaft!

Jetzt geht allen auf: Das hier ist live, es geschieht jetzt! Bei einer Aufzeichnung, auch bei einem geschriebenen Artikel wäre jede Panne korrigiert und ausgemerzt. Aber jetzt erleben wir gerade etwas miteinander.

Ich bleibe immer wieder mal stecken, weil ich mich von einem Thema einen Moment fort tragen lasse, weil etwas mich ablenkt, weil weil weil.

Ich habe noch nie erlebt, dass Hörer/innen schadenfroh oder hämisch reagieren (wie es uns die Angst vor Augen malt). Im Gegenteil: Die Leute machen sich selbst auf die Suche nach dem Faden, machen (innerlich mindestens) Vorschläge, was als nächstes kommen könnte...

Jetzt sind sie wach und beteiligt. Super, oder? Inzwischen hast du auf deine (dafür brauchbaren, siehe oben) Notizen geschaut und machst einen nächsten Schritt.

Weißt du, es gibt einen Unterschied, ob du eine Panne hast oder ob die Panne dich hat. Das zweite ist noch unangenehmer.

Aber ganz egal, du guckst einfach so lange wie nötig nach dir, um die Spur wieder zu finden.

Vielleicht redest du dann einfach weiter, vielleicht tauschst du einen Blick mit der Hörerschaft, vielleicht sprichst du kurz das an, was passiert ist.

Tritt für dich ein: Nimm deine Zeit in Anspruch

Es gibt bisweilen so einen Gedanken im redenden Menschen: Ich müsste eigentlich schon fertig sein, ich stehle den Leuten ihre Zeit.

Vielleicht siehst du gerade jemanden, der auf die Uhr schaut. Vielleicht hat er nur am Vortag eine tolle Armbanduhr geschenkt bekommen und möchte sie kurz bewundern, aber jetzt ist es klar: Du redest zu lang.

Es ist aber niemand gedient, wenn du dich unter Druck setzt / setzen lässt.

Jetzt bist du dran, das ist deine Zeit. Du füllst sie mit deiner Präsenz, mit deinem Thema, mit deiner Art, es darzustellen.

Schade um die Zeit der Zuhörerinnen und Zuhörer ist es nur, wenn du aufhörst, mit deinem Thema gegenwärtig zu sein, wenn du noch schnell etwas hinunterhaspelst.

Tritt ab als Sieger

Zum Schluss deiner Rede können dich vielleicht nochmal alte Befürchtungen einholen: Das war bestimmt Mist, die Leute haben sich gelangweilt und sind jetzt froh, wenn ich endlich gehe...

Also Kopf einziehen, dich klein machen, mit einer Art Entschuldigung wegschleichen - NEIN!

Du hast keine Ahnung, was du deinen Hörerinnen und Hörern gegeben hast. Du weißt es echt nicht - woran willst du es messen?

Vielleicht ist tatsächlich irgendwas schief gelaufen und die Linie kam nicht klar raus oder du hast das intellektuelle Niveau oder die emotionale Gestimmtheit der Hörerschaft nicht getroffen - aber das ist nur Oberfläche, das ist das, was dein innerer kritischer Kontrolleur dir zeigt.

Und sei sicher: Dein innerer Kontrolleur hat eine riesengroße Lupe für alles, was nicht perfekt war!

Aber auf einer anderen Ebene sind die Hörerinnen und Hörer mit dir und mit deinem Anliegen in Kontakt gekommen, das arbeitet jetzt auf seine ganz eigene Weise in ihnen weiter, und in dir auch.

Beglückwünsche dich für deinen Mut, all das auszudrücken und ihm einen Platz in Raum und Zeit gegeben zu haben.

Du magst später das Gelungene und die Pannen auswerten - jetzt schenke deiner Hörerschaft und dir selber ein JA!

Höre die Reaktionen an ohne zu reagieren

Die Augenblicke und Minuten nach der Rede sind auch noch einmal wichtig. Das "Feld" ist in Bewegung und ein Teil der Bewegung wird für dich als Reaktionen erfahrbar. Das kann Beifall sein (höflich - begeistert - frenetisch...), das kann auch Stille sein, das können Menschen sein, die jetzt auf dich zukommen und dir etwas sagen.

Beobachte dich: Du bist in diesen Augenblicken sehr verletzlich. Du hast dich geäußert, damit auch irgendwie bloßgestellt, ausgeliefert. Etwas in dir, dein inneres Kind vielleicht, möchte jetzt in den Arm genommen werden und hören und spüren, dass alles gut ist.

Diesen Dienst können dir deine Hörerinnen oder Hörer nicht tun. Sie sind mit dem beschäftigt, was das Gesagte in ihnen ausgelöst hat, und sie reagieren darauf nach ihrem Kenntnisstand (in Bezug auf die Sache) und ihrer emotionalen (Un-)reife (in Bezug auf den viel größeren verborgenen Teil des Eisbergs).

Lass sie reden, höre höflich zu, frag nach, wenn dich etwas interessiert. Aber lass dich jetzt nicht auf bewertende Äußerungen ein und schon gar nicht auf Diskussionen pro und contra.

Registriere jetzt nur, was gesagt wird oder dass nichts gesagt wird.

Werte es später aus, nimm später zu den Reaktionen Stellung.

Du hast deine Sache gesagt, so klar und gut du konntest. Es gibt keine Verpflichtung, jetzt noch etwas obendrauf zu legen - oder etwas wegzunehmen.

Bravo: Das war deine zweitbeste Rede

Jetzt, nachdem die Rede "dem Zaun deiner Zähne entflohen ist", um Homer zu zitieren, jetzt fällt dir ein, wie du es noch viel besser hättest sagen können: Dieses Bild wäre viel treffender gewesen, jenes Praxisbeispiel hätte richtig gesessen, und den einen Einwand an der anderen Stelle aufzugreifen hätte es dir viel leichter gemacht, auf ihn einzugehen...

Natürlich ärgerst du dich. Aber ich möchte dich darauf hinweisen: Die Rede setzt etwas in Bewegung, auch in dir selber, und erst, wenn du etwas geäußert hast, kannst auch du selbst es noch einmal in größeren Zusammenhängen anschauen und manches genauer sehen.

Ich sage es noch ein wenig deutlicher: Nur die gehaltene Rede bringt dich selber weiter, das kannst du durch noch so viel Nachdenken, Lesen, Diskutieren, Feilen am Text u.s.w. nicht vorweg nehmen.

So gesehen gibt es immer nur die zweitbeste Rede, strukturell sozusagen. Jede Rede zeigt nach vorne.

Laufe der perfekten Rede hinterher, solange es dir Freude macht, zu laufen. Aber sei sportlich und gönne ihr, dass sie dir immer davon läuft.

Das nennt man: das Leben.