Kraftfeld ES

Vom Inhalt zur Erfahrung

ES – das ist das, worum es geht, die Rede selbst. Es könnte sein, dass du dabei vor allem an die Inhalte denkst, die du darlegen willst. Aber das ist eine zu enge Sicht.

Die Rede ist auch – sie ist sogar vor allem eine Erfahrung, ein Erleben. Für dich und für deine Hörerinnen und Hörer. Ich möchte dich von der Frage „Was will / was soll ich sagen?“ weglotsen hin zu der Frage „Was möchte ich erleben und was möchte ich die Hörerschaft erleben lassen?“

Ich weiß jetzt eben nicht, wie dein konkretes Redeprojekt aussieht. Aber es gibt ein paar allgemeine Qualitäten, die eigentlich immer wichtig sind. Ich weiß sozusagen nicht, welche Form dein „ES“ hat, aber ich möchte mit dir über seine Farbe, seinen Geschmack und Geruch reden.

Frische. Das ist für mich die wichtigste Qualität. Wir bekommen so viel Reden aus der Dose vorgesetzt, vor allem die Politik bedient uns damit. Es scheint irgendwie sicherer zu sein, das schon sieben Mal Gesagte noch ein achtes Mal zu sagen. Wann und mit wem hast du zuletzt erlebt, dass du dabei sein durftest, als Worte neu aus dem Erleben geboren wurden? In Beziehungen geschieht so etwas in bedeutsamen Momenten, aus Gedruckse und Gestammel bahnt sich eine Liebeserklärung oder das Ansprechen eines „Problems“ seinen Weg. Das ist aufregend und tief berührend, Sprechende/r und Hörende/r sind ganz präsent. Aber auch in alltäglichen Situationen kann es das geben. Gönn dir den Luxus, zum Fenster hinauszuschauen und das, was du jetzt gerade siehst (das Wetter, der Verkehr, An- oder Abwesenheit von Menschen) für dich selbst in Worte zu fassen.  Wie berührt es dich, was löst es bei dir aus? Wie unterscheidet sich für dich die Stimmung eines Sonntagmorgens von der eines Montagmittags? Wie ist es jetzt gerade? Hier geht es um das rhetorische Kleingeld, die Münze der Alltagsrede. Lass mal alle Klischeewörter beiseite („Stress“, „Langweile“, „normal“...) und finde dein Wort für diesen Moment. Du wirst eine tiefe Befriedigung spüren, wenn sich zu etwas Erlebtem ein Wort einstellt, das wirklich darauf hin zeigt. Und vielleicht kann das für deine Hörerinnen und Hörer geschehen: dass sie so etwas erleben wie „genau!“, „stimmt!“, als würden sie das, wovon du sprichst, wie zum ersten Mal sehen.

Weite. Oft wird beim Reden eine Art von Druck ausgeübt. Der/die Redende versucht, seinen/ihren Punkt in dein Denken hineinzurammen. Brutal, indem er/sie überredet, nicht selten indem Angst gemacht wird, oder subtil, im Modus der Verführung. Wie anders ist es, wenn beim Zuhören ein freier Raum geöffnet wird, in dem jede/r die Chance hat, dem Gegenstand selbst zu begegnen! Die Freiheit bleibt – oder wird allererst eröffnet – den Gegenstand so oder so zu sehen, die eigene Einstellung dazu zu finden. Das ist eine ganz andere Art von Kraft, eher ein Sog als ein Druck, und viel nachhaltiger. Die Weite, die Freiheit, der Raum – all diese Qualitäten wecken die eigene Wahrnehmung, das eigene Urteilsvermögen und das eigene Engagement der Hörenden, sie aktivieren. Und das aktiv angeeignete bleibt weit länger als das passiv Geschluckte.

Disclosure. Man könnte auch sagen: Wahrheit. Aber wir verbinden Wahrheit gleich mit einer moralischen Wertung (Man muss die Wahrheit sagen, man darf nicht lügen...) und bekommen den Erlebens- ja Abenteuer-Charakter von Wahrheit nicht in den Blick. Also sagen wir disclosure, Erschließung. Etwas geht den Hörenden auf, rückt in ihr Gewahrsein, und das ist spannend, belebend. Ich glaube, wenn wir uns für einen Moment der Wahrheit eines Gänseblümchens in diesem Sinne öffnen könnten, würde es uns den Atem verschlagen. Aber wir haben dieses mentale Etikett auf den Dingen kleben (Gänseblümchen = langweilig), so kommt es zu einem dauernden Abhaken statt zur Begegnung. Das kann in deiner Rede anders sein. Dazu gehört auch: So bei einem „Problem“ verweilen können, dass die Lösung sich aus ihm selbst heraus entfalten, eben erschließen kann, statt übergestülpt zu werden...

Jetzt. Ist die Rede etwas, was du dir irgendwann zurechtgebastelt hast und lieferst es jetzt bei den Hörerinnen und Hörern ab? Oder ist sie etwas, das jetzt geschieht, und alle dürfen dabei, dürfen Teil des Geschehens sein?

Eine Rede mit diesen Qualitäten ist kein Zauberkunststück. Sie entsteht und geschieht, wenn du die verschiedenen Ebenen oder Elemente der Rede im Blick behältst. Man könnte – in Anlehnung an die Aggregatzustände des Wassers, um das Ganze merkbarer zu machen – sagen: Es gibt feste, flüssige und gasförmige Elemente der Rede, wenn alle zusammen kommen, entsteht dieses oben beschriebene einmalige Erleben.

Das Feste

Die festen Elemente deiner Rede sind die facts & figures, die Ergebnisse deiner Recherchen, die Namen und Zahlen, die wörtlichen Zitate, wo es darauf ankommt. Es sind die institutionellen Vorgaben, die Aufgabenstellung, die praktische Anwendbarkeit. Hierher gehören auch die Eckpunkte deiner Rede, die wichtigsten Stichworte.

Der Ort dafür ist der Notizzettel, dein Papier. Es spricht überhaupt nichts dagegen, Papier zu verwenden, du kannst trotzdem frei sprechen. Aber dieses Zitat liest du ab, damit machst du deutlich: Das hole ich jetzt aus einem andern Kontext hier herein. Und wenn du einen Punkt abgehandelt hast (frei und im Kontakt mit der Hörerschaft) dann schaust du auf das Papier um sicher zu gehen, dass du jetzt den richtigen nächsten Punkt aufgreifst. Es ist gut, wenn dann wirklich nur ein Stichwort dasteht, wie eine Stange, die einen Fundort auf einem verschneiten Feld markiert. Besser, da stehen keine ausformulierten Sätze, sonst gibt es ein Übergewicht des Festen und das Flüssige und das Gasförmige kommen zu kurz.

Die innere Haltung, die dich für diese Dimension öffnet und offen hält, ist das Wahrnehmen, die neugierige, vorurteilslose, nicht-wertende Offenheit und Zugewandtheit zu dem, was sich zeigt.

Übrigens: Der Kanal, auf dem du für dich selbst den Kontakt zu diesem Festen, Erdigen, Realen hältst, ist dein Stehen, sind deine Füße. Deine Füße lassen dich und die Hörerschaft erleben: Ich stehe auf dem Boden der Tatsachen.

Das Flüssige

Die flüssigen Elemente sind die, die Bewegung ermöglichen und erzeugen. Während das Feste viel mit dem Mentalen, mit dem Denken zu tun hat, geht es hier mehr um das Fühlen, um den gespürten Kontakt mit der Realität. Wenn der lebendig ist, ist da eine ständige Veränderung und Verwandlung.

Dieses Lebendige, dieses Prozesshafte deiner Rede teilt sich mit im Tempo deines Sprechens, in der Dynamik von langsamen und schnellen Passagen. Es wird sichtbar darin, wie du die Hände sich bewegen lässt und wie du atmest. Ja, und hier darf ruhig auch deine Aufregung, dein Lampenfieber mit hinein fließen. Deine Zuhörer und -schauer/innen dürfen ruhig merken: Jetzt nähert sich der/die Redende etwas, was für ihn/sie selbst schwierig ist, womit er/sie zu kämpfen hat. Und an dem, was er/sie jetzt erzählt, hat er/sie selbst Vergnügen.

Diese Fließqualität durchzieht natürlich deine ganze Rede. Du kannst dir aber auch ganz bewusst Container dafür mit einbauen. Das kann eine Anekdote oder eine für dich bedeutsame Erfahrung in Zusammenhang mit dem Thema sein, die du den Leuten (natürlich frei, im Kontakt mit ihnen) erzählst. Oder du lässt sie daran teilnehmen, wie dein eigener Weg zu dem war, was du jetzt als Lösung präsentierst. Plan dir ein, zwei erzählende Passagen mit ein, sie strahlen auf den Rest aus.

Die innere Haltung, die du brauchst, um dieses freie, lebendige Fließen zu erlauben, ist das bedingungslose Akzeptieren. Das Akzeptieren deiner eigenen Aufregung, deiner Grenzen, deiner Schnitzer. Das Akzeptieren der Hörerschaft mit den Signalen, die sie jetzt gerade aussenden. Das Akzeptieren der vielleicht einengenden oder störenden Rahmenbedingungen. Dein Ja dazu heißt nicht: So muss es bleiben. Im Gegenteil: Dein Ja setzt in allem, was während der Rede geschieht und auftaucht, das Potenzial frei, dass es sich verändern und entfalten kann.

Das Gasförmige

Hier geht es um etwas, das vielleicht zuerst noch entlegener, nebliger scheint als das „Flüssige“. Es ist dennoch ein wichtiges Element, vielleicht sogar das Bestimmende, in diesem Kraftfeld deiner Rede.

Es ist das Atmosphärische, die Stimmung, die dein Thema umgibt und färbt und beleuchtet.

Ist es eine Stimmung von Konkurrenz, von Rechthaben, von Kampf? Oder von Entdecken, von Freude, von Neugierde? Darf sogar etwas Spielerisches dabei sein?

Deine innere Haltung, die hier die Kraft des Kraftfeldes frei setzt, ist das Loslassen, das Freigeben. Du musst nicht bis ins letzte festlegen, wie die Hörerinnen und Hörer alles aufzufassen, was sie damit anzufangen haben. Lass deine Rede losfliegen wie einen Vogel, der für einen Moment auf deiner Hand saß.

Du kannst dir auch hierfür (in wie 3. für das Flüssige) Container in deine Rede einbauen. Zwei Dinge eignen sich vor allem:

Die Adjektive. Achte einfach darauf, welche Adjektive du häufig verwendest. Du wirst überrascht sein, wie viele einen negativen Beiklang haben („schwierig“, „notwendig“, „falsch“...). Auf der gleichen Linie liegt darauf zu achten, wie oft das Wort „nicht“ vorkommt. - Du brauchst dir diese – negativ besetzten – Wörter nicht zu verbieten, i bewahre. Aber vielleicht kannst du ganz bewusst Wörter einflechten, die so etwas wie Freude, Leichtigkeit, Freiheit transportieren.

Und noch wichtiger: Die Pausen. Auch eine ganz kurze Pause kann so ein Moment des Loslassens, des Vertrauens sein. „Ich brauche nicht jede Sekunde mit Gesprochenem zu füllen, da darf auch eine Lücke sein, es wird schon etwas vernünftiges da hinein kommen.“ Gerade solche kleinen Pausen bieten den Hörerinnen und Hörern die Chance, offen für ihre eigenen Einfälle zu sein, für ihre Inspiration.