Kraftfeld ICH

Das bist Du!

Das erste – und wichtigste - Kraftfeld der Rede bist du. Damit meine ich nicht nur das, was du als deine „Stärken“ kennst (wie Stimme, attraktives Äußeres, Erfahrung, Beliebtheit...), sondern wirklich alles:

Wie du aussiehst, wie du gehst und stehst, wie schnell oder langsam du sprichst, wie du innerlich drauf bist, was deine Interessen sind, worauf du stolz bist und wovor du Angst hast.

Alles das kommt bei deiner Rede ins Spiel. Es steht Pate, wenn dir die erste Idee kommt, es begleitet dich, wenn du an der Rede arbeitest, es betritt mit dir das Rednerpult, wenn du auftrittst.

Um es nochmal ganz deutlich zu sagen: Alles, was irgendwie zu dir gehört, kommt zu Wort. Nicht nur das, was du ausdrückst, auch das, woran du gar nicht denkst, sogar das, was dir selbst gar nicht als Teil deines Daseins und Soseins bewusst ist.

All das ist mit dir präsent und es gibt dem, was du sagst, Farbe und Klang. Es macht, dass Tiefe dort erfahrbar wird, wo ein Inhalt in dir selber mit wichtigen Erfahrungen verbunden ist. Es lässt spüren, welche Dinge du als einengend und welche du als befreiend erlebst.

Du teilst dich auf vielen Kanälen gleichzeitig mit, und der mental geplante Inhalt, der Rede-Text, ist nur ein kleiner Ausschnitt davon. Das, was dir im Augenblick nebensächlich erscheint oder was du gar eher verbergen möchtest, das ist mit dabei und bildet einen Resonanzraum, ganz von allein, ohne dass du etwas besonderes dafür tust.

Das ist es, was die Rede zu einem einmaligen, unwiederholbaren Ereignis macht: Du sagst diesen Leuten jetzt etwas.

Präsenz

Damit haben wir ein Schlüsselwort für die Kraft, die in diesem ersten Kraftfeld wohnt, wir können auch sagen: Damit kennen wir das erste Plus, das dein Reden zum RedenPlus werden lässt. Es ist deine Präsenz.

Achte, wenn Leute sprechen, beim Meeting oder in der Talkshow, im Parlament oder in der Bahn, auf ihre Präsenz. Oft wirst du sie vermissen. Pfarrer verstecken sich hinter ihrer Bibel, Politiker hinter ihrem Statement, Kollegen hinter ihrem small talk. Du siehst sie ihre Lippen bewegen, hörst Töne aus ihrem Mund kommen, aber du spürst nichts von ihnen. Und nach ein paar Augenblicken weißt du schon nicht mehr: Was hat er oder sie gesagt?

Die Worte, die von einem präsenten Menschen kommen, mögen dir gefallen oder dich aufregen, sie mögen dir unscheinbar vorkommen oder dich beeindrucken – auf jeden Fall hast du etwas bekommen, wozu du Stellung nehmen kannst, worauf du aufbauen oder wogegen du eigene Kräfte mobilisieren kannst.

Worte von einem präsenten Menschen sind wie Nahrung. Worte, die aus einem leeren Anzug kommen, sind bestenfalls Lutschbonbons.

Woher kommt also dies Verstecken? Warum ist Präsenz so rar?

Die Antwort kannst du in dir selber spüren: Es ist die Angst. Die Angst, zu viel von sich zu zeigen, die Angst, das Falsche zu zeigen.

Und damit können wir so etwas wie ein allgemeines Feldgesetz benennen, das dir auf deinem ganzen Weg von der Idee zur Rede helfen kann: Wann immer du Angst spürst, bist du in der Nähe eines Kraftfeldes deiner Rede.

Angst ist die treue Begleiterin des Redners oder der Rednerin: Manchmal zeigt sie sich offen, etwa in der Form von Lampenfieber unmittelbar vor dem Auftritt, manchmal verbirgt sie sich als Vermeidung hinter all den äußeren Umständen, die dich "leider daran hindern", dich rechtzeitig mit deinem Redevorhaben zu beschäftigen, manchmal spürst du sie nur als eine Art Hintergrundrauschen von Nervosität und Stress.

Hab keine Angst vor der Angst! Das ist die Zauberformel, um mit der Kraft der Rede in Kontakt zu kommen.

Wenn du Angst – in irgendeiner Form – spürst, wende dich ihr zu. Nicht, um sie zu „bezwingen“ (das geht nicht), nicht, um sie zu heilen (funktioniert auch nicht), schon gar nicht, um dich ihr zu unterwerfen. Schaue der Angst  sozusagen in die Augen und frage sie, worauf sie dich hinweisen möchte.

Und damit sind wir beim Kern, bei der Essenz der Präsenz: Sie ist zuallererst deine Präsenz mit dir selbst. Sei präsent mit allem, was dich beschäftigt, was dich beunruhigt - und deine Präsenz gewinnt diese Strahlkraft nach außen.

Authentizität

Authentizität heißt Echtheit, heißt, dass du dich so zeigst, wie du bist.

Das bedeutet nicht, unkontrolliert dein persönliches, privates Erleben preisgeben. Es bedeutet, dass du dich selbst mit immer mehr Gelassenheit sehen lernst – und dass das, was du von dir zeigst, keine Kulisse ist, keine Maske.

Authentizität ist dein Charisma, ist dein Charme, dein Zauber.

Authentizität ist ansteckend. Sie bringt ganz sanft, ohne Zwang, deine Hörerschaft dazu, sich dem, was du sagst, auf vielen Ebenen zu öffnen. Sie entwaffnet mit einem Lächeln all ihre Abwehrmechanismen.

Aber Vorsicht: Authentizität ist nicht etwas, das du besitzt. Und schon gar nicht etwas, das du nach Gutdünken für deine Ziele einsetzen kannst.

Authentizität ist ein ständiger Prozess. Authentizität ist deine offene Bereitschaft, sich deinen verschiedenen Aspekten zuzuwenden in dem Moment, wo sie auftauchen, mögen sie dir gerade angenehm sein oder dich stören.

Authentizität ist nicht eine raffinierte Technik für Redeprofis, sie ist eine Lebenshaltung oder sie existiert gar nicht.

Du wirst auf deinem Weg zur Rede immer wieder dir selbst begegnen; du wirst herausgefordert, immer mehr von dir selbst anzuschauen und akzeptieren zu lernen.

Das betrifft zum Beispiel deine Sprechgeschichte.

Hat man in deiner Familie gerne am Tisch diskutiert? Oder hat Papa seine Weisheit in Monologen zum Besten gegeben? Wurde über Bücher, Filme, Theaterstücke, Musik geredet? Oder ging es viel um Geld und materielle Vor- und Nachteile? Wurden Projekte ausgebrütet wie Veränderungen am Haus oder am Auto? Herrschte eher eine bange oder gereizte Stimmung zwischen deinen Eltern oder ging es oft laut und lustig zu?

Hat man dir zugehört, wenn du in der Schule etwas vorzutragen hattest, wurdest du bloßgestellt, wenn du einen Fehler gemacht hast? Warst du Klassensprecher oder Außenseiter?

Wurdest du fürs Reden bestätigt oder eher fürs Stillsein?

All die angesprochenen Erfahrungen und Bedingungen haben dich in deiner Ausdrucksfähigkeit geprägt. Sie haben dir Selbstbewusstsein mitgegeben oder Traumata auferlegt. Und all das holt dich ein, wenn du ein Redeprojekt vor dir hast, um dir zu dienen oder dich zu behindern.

Aber wirklich behindern kann dich nur das, was du nicht angeschaut hast. Sei froh, wenn du auch an deine Grenzen stößt. Gib dir Zeit, bis in dir ein Ja auch zu deinen schwachen und wunden Stellen als Rednerin oder Redner wächst.

Nichts macht dich stärker als eine Schwäche, zu der du zu stehen gelernt hast.

Freiheit

Was bedeutet Freiheit für dich?

Was macht eine Rede zu einer freien Rede?

Ist es der Verzicht auf Notizen?

Oder ist es deine innere Gelöstheit und Offenheit, dich, so wie du jetzt gerade bist, mit dieser Hörerschaft dich – für eine bestimmte Zeit - diesem Thema zuzuwenden?

Freiheit kannst du nicht wie eine Technik lernen. Sie entsteht auch nicht durch ein dramatisches und gewaltsames Sprengen von Fesseln.

Freiheit wächst.

Den Boden, auf dem dies geschieht, kennst du inzwischen:

Es ist das offene Wahrnehmen von dem, was auftaucht. Fragen, Probleme, Hindernisse, alternative Möglichkeiten, konträre Sichtweisen kommen ins Blickfeld. Wahrnehmen heißt mehr als zur Kenntnis nehmen. Zum Wahrnehmen gehört das Spüren, die Begegnung, das An-sich-Heranlassen. Ohne Bewertung, vielleicht sogar ohne ein Benennen in Begriffen, ohne es nutzbar zu machen oder es als unnütz zu verwerfen; wache Offenheit für das Phänomen und für alle eigenen Reaktionen darauf. Wahrnehmen muss nicht zum Verwenden, zum Begreifen oder zur Stellungnahme führen. Wahrnehmen hat seinen Wert und seine Befriedigung in sich selbst. Es ist ein Kontakt mit einem Aspekt der Wirklichkeit, sei er nun gerade willkommen oder unwillkommen.

Zu solchem Wahrnehmen gehört das Akzeptieren. Akzeptieren heißt nicht „gut finden“, „einverstanden sein“, „sich damit abfinden“. Akzeptieren heißt den inneren Raum ein wenig größer werden lassen, damit auch „Das“ darin seinen Platz finden kann. Mankells Kommissar Wallander kann manchmal nach einem frustrierenden Verhör sagen: „Dann wissen wir jetzt das“ oder „Dann ist das jetzt so.“ Er vergeudet seine Energie nicht weiter damit, die Dinge auf seine Weise in den Griff bekommen zu wollen. Und merkwürdig: Gerade das Akzeptieren ermöglicht es, mehr als das Bewerten und Bearbeiten, dass die Dinge wieder in Gang, vielleicht sogar in Fluss kommen.

Denn die Seele vom Wahrnehmen und vom Akzeptieren ist das Loslassen. Lass deine Idee los, schon in dem Moment, da sie dir einfällt. Vielleicht entfaltet sie sich so, wie du es denkst und dir wünschst. Vielleicht macht sie aber auch scheinbare Umwege, versteckt sich, stellt sich tot. Lass ihr ein wenig Freiheit. Und auch wenn du die Rede gehalten hast, widersteh der Versuchung, die Reaktionen und die Ergebnisse festhalten und einordnen zu wollen. Wenn deine Rede gehalten ist, sieh sie an wie einen Brief, den du in den Briefkasten geworfen hast. Gib deine Rede frei – einfach weil du selbst dann frei bist, und das fühlt sich so gut an.