Kraftfeld UND

Der unmittelbare Raum

Deine Rede findet nicht im leeren Raum statt, sondern in einer konkreten Umgebung. Sie bildet das Feld, den HintergrUND; sie beeinflusst dich, deine Hörerinnen und Hörer, euren Blick auf das Thema. Sie grenzt euch ein, sie stellt dir aber auch ihre Kraft zur Verfügung, wenn du sie „anzapfen“ kannst.

Wir machen einen Zoom, beginnen in der unmittelbaren Umgebung und fahren dann heraus in immer weitere Zusammenhänge.

Beginnen wir also mit dem Raum, in dem deine Rede stattfindet, ganz konkret der physische Raum mit seinen vier Wänden. Dazu gehört das Licht (Fenster?, künstliches Licht? Hell? Dämmrig?), die Geräusche (Hall im Raum, Geräusche von Nachbarräumen, von der Straße...), die frische oder abgestandene Luft, die Einrichtung, die Größe des Raums im Verhältnis zur Anzahl der darin versammelten Menschen, die technische Ausstattung, insbesondere die Tontechnik. Zum Raum in diesem Sinn gehören auch die zeitlichen Bedingungen (Morgens? Abends? Als wievielte/r sprichst du? Wie viel Zeit steht dir zur Verfügung? Wie streng musst du dich daran halten?).

Vielleicht siehst du jetzt vor allem die Herausforderungen (Der Hund draußen, der nicht aufhört zu bellen; die Ermüdung der Zuhörerschaft nach drei voran gegangenen Beiträgen...). Aber diese Gegebenheiten sind nicht irgendwie gegen dich (obwohl es einen Aspekt in dir geben mag, der es genau so sieht: Typisch, das muss natürlich mir passieren...) Sie sind einfach ein Teil der Realität, und du musst schauen, wie du dich dazu verhältst. Die Faustregel ist: Jede Gegebenheit, die du wahrnehmen und akzeptieren kannst, ist auf deiner Seite.

Nehmen wir an, es gibt eine Rückkoppelung und die Lautsprecher fangen immer wieder mal an zu pfeifen. Du wartest einen Moment, bis das Pfeifen abgeklungen ist. Dieses kurze Innehalten signalisiert: Ich habe das Problem wahrgenommen, ich versuche mich darauf einzustellen. Gut, nehmen wir an, das tritt immer wieder auf. Dann könntest du sagen: „Da haben wir jetzt ein Problem mit der Tontechnik. Das ist schade, ich möchte, dass Sie mir ungestört zuhören können.“ Vielleicht kannst du jemanden von der Technik bitten, sich um das Problem zu kümmern; wenn das gelingt, bedankst du dich. Im schlimmsten Fall (alles wird unverständlich, bei der Größe des Raums geht es ohne Anlage einfach nicht) brichst du ab. Aber du bleibst in diesem neutralen Wahrnehmen. Fängst nicht an, dich zu entschuldigen oder andere zu beschuldigen. Du wirst den Eindruck eines erwachsenen Menschen hinterlassen – und spätestens jetzt wollen die Leute wirklich wissen, was du zum Thema zu sagen hast.

Der institutionelle Rahmen

Okay, zoomen wir ein wenig weiter heraus und fassen die erweiterten Rahmenbedingungen ins Auge. Du hältst deine Rede vielleicht in einem Unternehmen, in einer Behörde, in einer Bildungseinrichtung (und in diesem Sinn kann natürlich auch eine Familie eine Institution sein)...

Institutionen bringen Menschen zusammen, und zwar immer in einer spezifischen Weise. Sie bringen als Institution einen thematischen Fokus mit sich; in Institutionen gibt es Abhängigkeiten, Konkurrenzen, Hierarchien. Meist sammelt sich in Institutionen ein gewisses Maß an Frustration an. Das hängt damit zusammen, dass die Institution nicht den Einzelnen als Menschen mit allem drum und dran meint, sondern bestimmte Leistungen erwartet. So gibt es oft typische Redeweisen, Sprachregelungen, Reizthemen, Tabus. Es gibt Paradigmen, also eine bestimmte Art, mit Fragen und Problemen umzugehen (was wird angesprochen und was wird immer ausgeklammert?).

Und wieder: Je mehr davon du wahrnehmen und gelassen als Teil der Realität sehen kannst, desto besser. Vielleicht möchtest mit deiner Rede eine eingefahrene Sichtweise in Frage stellen. Vielleicht möchtest du mit einer mehr oder weniger ausgesprochenen Regel dieser Institution brechen. Mach das! Aber lass dem innerlich dein Ja zu diesem Teil der Realität vorausgehen.

Wenn du dich beklagst, erntest du – im besten Fall – Mitleid. Wenn du anklagst, bringst du andere in eine Verteidigungshaltung, die es fast unmöglich macht, deine Argumente wirken zu lassen.

Vielleicht stellt sich heraus, dass du im Moment wirklich nichts ändern kannst. Dann unterschätze die Kraft nicht, die darin liegt, genau das gelassen und deutlich auszusprechen: Da ist etwas, es scheint, das lässt sich im Moment nicht ändern. Punkt. Das setzt manchmal viel mehr Energie (der Veränderung) frei, als all deine Appelle es könnten.

Das kollektive Bewusstsein

Schon bevor du sprichst, schon wenn du denkst, bewegst du dich in einem mentalen Feld, das ständig auf dich ebenso wie auf deine künftigen Hörerinnen und Hörer einwirkt. Dieses Feld wird unablässig gespeist von mächtigen „Magneten“: Politik, Wirtschaft, Finanzwesen, Medien, Religion. Es ist angefüllt mit Wertungen, Meinungen, Überzeugungen. Beobachte, wie in den Medien ein Thema auftaucht, wie es am Anfang noch etwas offen und unentschieden da steht, wie dann sehr schnell ein „Drall“ von Wertung dazu kommt, eine bestimmte Person oder Gruppe plötzlich total hell oder total dunkel erscheint. Es wird eine Zeitlang mit Wichtigkeit aufgeblasen um plötzlich wieder von der Tagesordnung zu verschwinden als hätte es sich nie ereignet. Fantastisch.

Über dieses sehr mächtige Feld des kollektiven Bewusstseins gibt es zwei wichtige Dinge zu wissen:

Es beschäftigt sich mit mentalen Inhalten, die es mit einer emotionalen Ladung versieht. Es hat kein Interesse an der Wirklichkeit. Es liebt Sprechblasen, Parolen, positiv oder negativ besetzte Begriffe, denn damit lässt sich jonglieren und manipulieren. Du kannst diesem Riesenballon die Luft rauslassen, wenn du die Frage stellst: Wie ist es eigentlich wirklich? Das beste Modell für eine gelingende Rede ist für mich das kleine Mädchen in Andersens Märchen, das trocken feststellt: Aber der Kaiser hat ja gar nichts an! Zeitungen, Talkshows, Kirchen, Parlamente, Universitäten – alle sind voll mit nackten Kaisern...

Und das andere: Dieses Feld ist sehr stark in Plus und Minus polarisiert. Es herrscht der Druck, ja der Zwang zur Zustimmung oder zur Ablehnung, je nachdem, was gerade die herrschende Meinung ist. Damit einher geht eine Stimmung der Angst.

Als Resonanzraum, als Hintergrundrauschen ist das kollektive Bewusstsein immer anwesend, und manchmal macht es sich direkt bemerkbar.

Das ist etwas unheimlich, ich gebe es zu. Aber gerade dieser Raum oder dieses Feld hat nur so viel Macht, wie du ihm gibst. Vielleicht möchtest du es bekämpfen, aber damit riskierst du, aus diesem halbillusionären Gebilde erst recht eine Wirklichkeit werden zu lassen.

Was ich rate, hast du sicher schon erraten: Wende ihm deine Wahrnehmung zu. Schau es dir an. Es ist wie im Traum: Wende dich um und schau den Tiger an, der dich verfolgt, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er sich als Katze herausstellt....

Und du siehst auch: There's a crack, a crack in everything – that's how the light comes in (Leonhard Cohen). Auch diese Schüssel Kollektives Bewusstsein hat schon einen Sprung. Es hat viele Menschen schon nicht mehr so im Griff. Sie schauen hin und durchschauen es immer mehr.

Wenn du deine Wahrheit sagst, wirst du Widerstand begegnen, aber viele werden auch sagen: Endlich!

Die Stille

Auf die Gefahr hin, philosophisch zu werden, zoomen wir noch weiter heraus. Heraus aus dem zeit-räumlichen Rahmen der Rede, heraus aus dem institutionellen Rahmen, heraus auch aus dem Lärm des kollektiven Bewusstseins. Ah! Hier ist Stille.

Wir sind in dem Raum, der nur Raum ist, in dem die Inhalte auftauchen und verschwinden. Ist es das Nichts? Ist es das Tao? Ist es die unmanifeste Matrix aller Potenziale?

Schwierig, hier Worte zu finden, ohne ins Feierliche oder Spirituelle zu geraten. Gemeint ist etwas ganz einfaches. Du kennst es. Es hat dich auf deinem Weg zur Rede immer wieder mal besucht: Als leeres Blatt Papier – als innere Distanz zu einer Sache, die dich gestern noch begeistert hat – als scheinbare Blockierung.

Es löst zunächst vielleicht eine Angst aus – horror vacui, der Schrecken, den die Leere einflößt. Und vielleicht konntest du sogar schon einmal so viel Vertrauen zusammenkratzen, dass du ein paar Augenblicke mit dieser Leere, diesem scheinbaren Nichts sein konntest. Einfach damit sein, ohne sie mit Pragmatismus, Ablenkung oder dem Rückfall in alte Denkgewohnheiten zuzudecken. Und dann konntest du feststellen, dass genau diese Leere so erfüllt ist mit Leben, mit Ideen, mit Inspirationen, mit Impulsen. Dass sie es gut mit dir meint.

Ich habe immer wieder von drei Haltungen oder Schritten gesprochen: Wahrnehmen – Akzeptieren – Loslassen. Hier, in diesem größten, umgreifenden Feld oder Raum, liegt der Sinn des Loslassens.

Die Dinge nicht bis ins Letzte durchzuplanen, nicht alles kontrollieren und perfektionieren zu wollen heißt: dich und deine Worte dieser Stille anvertrauen, mit Herzklopfen vielleicht, auf jeden Fall aber mit dem Geruch von Freiheit in der Nase.