Kraftfeld WIR

Ich sehe dich

„Oel ngati kameie“ - das bedeutet in der erfundenen Sprache des fiktiven Volkes Na'vi (aus dem Film „Avatar“) „Ich sehe dich“ und dient als Gruß. Genial.

Dein erster Blick zu Beginn deiner Rede kann dieser Gruß sein, auch wenn dein Mund „Meine Damen und Herren“ sagt. Es kommt nicht auf die Worte an. „Ich sehe dich“ ist zu allererst deine innere Haltung. Die folgenden Abschnitte wollen diesem Sehen dienen, deine Wahrnehmung der Hörerschaft vertiefen.

Deine Zuhörerschaft ist keine amorphe Masse, über der du deine Informationen oder Appelle ausgießt. Sie besteht aus Individuen und sie hat eine Struktur, die in ständigem Wandel begriffen ist.

In dem Moment, wo dir das Wort erteilt wird, stellen die Teilnehmenden ihre Gespräche und  anderen Beschäftigungen zurück und werden zu Hörenden. Sie gestehen dir – als Gruppe – für eine bestimmte Zeit eine Rolle zu: Du darfst / sollst sprechen. Es ist eine temporäre und partielle Leitungsrolle, die dir übertragen wird. Für die Dauer, da du sprichst, bilden sie eine Gruppe, deine Gruppe.

Nimm diese Leitungsrolle an! Ich erlebe häufig Menschen, die genau davor zurückschrecken. Vielleicht haben sie Angst, Macht zu missbrauchen. Dann verstecken sie sich lieber hinter Sachaussagen, Regeln, Zitaten... Sie leiten nicht. Deshalb vielleicht hier ein kurzer Hinweis zum Thema „Macht“.

Wenn eine Rede zu Ende kommt, die konzentrierte Aufmerksamkeit der Hörerschaft noch ein paar Augenblicke zu spüren ist, vielleicht Beifall aufkommt – dann stellt sich bei der Person, die geredet hat, bisweilen ein besonderes Hochgefühl ein. Nüchtern betrachtet: Dein Ego (was überhaupt nichts schlimmes ist) hat eine Vergrößerung erfahren. Dieses Gefühl kann leicht mit der Erfahrung von Macht verwechselt werden. Tatsächlich aber bist du als Redende/r nicht besonders mächtig. Du kannst niemand irgendwo hin bewegen, wohin er/sie nicht von sich aus gehen möchte. Keine Sorge also, dass du Macht missbrauchst. Das einzig schlimme, was passieren kann: Dass du die Hörerschaft zutextest, dass du  dampfwalzenartig mit deinen vorbereiteten Sprüchen über sie hinwegrollst. - Wenn du dich aber bis hierhier auf dieser Website herumgeklickt hast, glaube ich nicht, dass du zu diesen unsensiblen Dampfplauderern gehörst.

Also nimm die Leitungsrolle an. Du tust das – nicht indem du Leute herumkommandierst, sondern schlicht durch Wahrnehmung.

Wahrnehmung wird unterschätzt. Dabei führt uns die Wissenschaft vor Augen, dass das bloße Beobachten eines Vorgangs ihn bis ins physikalisch messbare hinein beeinflusst und verändert. Sie als die vielen Einzelnen wahrzunehmen macht sie zu deiner Gruppe.

Weg von den Gespenstern

Hier kommen einige Fragen, die deine Hörerschaft betreffen. Das ist um Himmels willen nicht so gedacht, dass du jetzt beginnst, einen Fragebogen auszufüllen, vielleicht noch aufgrund einer Recherche. Die Fragen sollen lediglich deine Aufmerksamkeit wecken und dich neugierig machen. Sie möchten dich verleiten, deine Hörerinnen und Hörer als das wahrzunehmen, was sie sind: Als vielschichtige und komplexe Wesen voll Leben. Die Fragen möchten dich Schritt für Schritt von dem Bild in deinem Kopf (und es sind alles Gespenster: meine Hörer = meine Feinde; meine Hörer = meine Richter; meine Hörer = meine Opfer…) wegführen. Und noch einmal: Wichtiger als jedes Bescheidwissen über deine Hörerschaft ist die innere Aufgeschlossenheit, dein Interesse für das, was sie bewegt.

Bildung:

Wie schätzt du die Spannweite im Bildungsniveau ein?

Würdest du sie spontan – als Gruppe – als dir bildungsmäßig überlegen oder unterlegen einordnen?

Was würde es für dich bedeuten, wenn einige der Hörer/innen nur sehr wenig Schulbildung mitbrächten und z.B. mit vielen Fremdwörtern und abstrakten Gedankengängen Schwierigkeiten hätten? Wie könntest du auch sie „mitnehmen“ – oder wären sie dir gleichgültig?

Und was würde es dir ausmachen, wenn etliche deiner Adressat/innen nicht nur sehr gebildet, sondern darauf auch sehr eingebildet wären und dich das spüren lassen? Wie viel Druck macht dir das?

Interesse und Interessen:

Mit Interesse meine ich hier: Wohin sind sie innerlich unterwegs, worauf sind sie neugierig, wofür sind sie offen? Deshalb habe ich in den Praxistipps auf dem Zuhören herumgeritten: Es hilft enorm, wenn du im Vorfeld der Rede wenigstens einer/einem oder zwei von deinen Adressat/innen richtig zuhören konntest. Du bekommst ein Gefühl dafür, dass sich Menschen hier gewaltig unterscheiden können, auch wenn sie zum selben Unternehmen, sogar zum selben Team gehören. Du musst in deiner Rede nicht darauf Bezug nehmen, dass der eine Stunden über Tulpenkatalogen verbringt und die andere sich auf den ersten Fallschirmsprung vorbereitet. Aber erst wenn beide spüren, dass du ihnen ihr vorrangiges Interesse nicht nur lässt, sondern es auch – ohne es im Detail zu kennen – als Teil ihrer Lebenswirklichkeit schätzt, sind sie auch wirklich bereit, sich für eine bestimmt Zeit – über berufliche oder gesellschaftliche Pflichten hinaus – für deine Sache, dein Redethema zu interessieren.

Und dann gibt es natürlich Interessen. Hier geht es nicht um Offenheit, sondern um Verteidigung und Durchsetzung. Welche Interessen verfolgen deine Hörer/innen? Ein grundlegendes Interesse ist, als Teil der Gruppe, an einem guten Platz in der Gruppe wahrgenommen zu werden. Falls du nach der Rede Gelegenheit zu Fragen gibst, wirst du feststellen, dass eine ganze Reihe dieser Fragen – neben ihrem sachbezogenen Inhalt – die Funktion haben, eine Gruppenposition, eine Wichtigkeit zu behaupten. Kannst du dieses Interesse als legitim gelten lassen? Nervt es dich? Schüchtert es dich ein, vor allem, wenn es eine Konkurrenz zu dir mit sich bringt? – Du brauchst diese Interessen nicht zu bedienen – das geht auch gar nicht, weil sie sehr unterschiedlich bei den Hörerinnen und Hörern verteilt sein können. Du brauchst sie auch nicht kanalisieren oder manipulieren. Es genügt, sie zu spüren und gelten zu lassen. Du hast dein Interesse und deine Interessen. Stell sie neben die der andern. Zeig dich.

Noch ein paar Fragen, jetzt nicht so ausführlich entfaltet:

Was sind für die Leute Reizthemen? – Welches Vorwissen bringen sie im Bezug auf deinen Gegenstand mit? – Sprechen sie die gleiche Sprache wie du? Das betrifft auch landschaftliche Eigenheiten (Dialekt), und schichtspezifische Ausdrucksweisen (Soziolekt). Wie viele von ihnen werden dich als eine/n von ihnen wahrnehmen? Was wird ihnen anders, fremd vorkommen? – Wo sind Empfindlichkeiten, wo sind die Menschen verwundbar, vielleicht ohne sich das selbst richtig einzugestehen? – Welche Rolle spielt es, dass du als Mann / als Frau sprichst?

All diese angesprochenen Gesichtspunkte sind während deiner Rede präsent. Sei dir bewusst, dass deine Worte sich einem ganzen Konzert – und manchmal einem ganzen Tohuwabohu – von Selbstgesprächen hinzufügen.

Letzte Frage:

Ich möchte dich noch auf eines aufmerksam machen, was total leicht übersehen wird, was aber der Schlüssel zum Plus des Redens ist: Es ist die Offenheit eines jeden einzelnen Hörers / einer jeden einzelnen Hörerin. Mit Offenheit meine ich nicht eine Eigenschaft unter anderen. Ich meine hier das, was immer schon in uns da ist, noch bevor wir uns mit etwas (einer Meinung, einem Thema, einem Besitz, einem Problem) identifizieren. Es ist, könnte man sagen, der Raum, aus dem in jedem Augenblick die konkreten Inhalte des Lebens und Erlebens auftauchen und in dem sie wieder verschwinden. Zerbrich dir nicht den Kopf, wenn du mit dem eben Gelesenen nichts anfangen kannst. Es genügt, dir klar zu machen: Jede Person, die hier vor mir sitzt, ist unendlich mehr als die Summe ihrer Eigenschaften. Das ist nun wirklich nichts, was du dir dienstbar machen oder manipulieren kannst. Aber du kannst vielleicht mit diesem Raum, dieser Stille, dieser Offenheit, diesem scheinbaren Nichts in dir selber in Kontakt kommen. Und in dem Maß dies der Fall ist, bekommen deine Worte noch einmal einen ganz besonderen Resonanzraum. Jede Mini-Pause, in der du einen Augenblick im Reden innehältst und – ohne besondere Absicht – in dich hineinlauschst, öffnet diesen Raum einen Spalt weit. Für dich selber, vielleicht sogar für manche der Hörer/innen, die dafür bereit sind.

Kontakt

Wie kann all das, was deine Hörerschaft in ihrer ganzen Diversität ausmacht, die Gedanken, die durch jeden einzelnen Kopf gehen, die Gefühle in jedem der Bäuche, die Inspirationen in jedem der Herzen – wie kann all das zu einem Kraftfeld werden, das mit dir und für dich wirkt?

Durch deinen Kontakt mit ihnen. Dieser Kontakt ist kein Trick und keine Technik. Er ist ein ständiges Geschehen auf vielen – bewussten und nicht bewussten – Ebenen. Du machst den Kontakt nicht, er entsteht, entfaltet sich, wandelt sich von Augenblick zu Augenblick. Ich mache hier auf ein paar Kanäle aufmerksam, auf denen sich das abspielt, nicht um dir eine Kontrolle oder Manipulation zu ermöglichen, sondern um dich zum Vertrauen einzuladen:

Körper:

Körper heißt: Wie du da stehst, was deine Füße anstellen, deine Hände, wie kampfbereit oder wie locker du sichtbar bist, ob du überhaupt gerne sichtbar bist oder dich lieber verstecken würdest, was in deinem Bauch grummelt und was sich auf deinem Gesicht malt – vielleicht bekommst du ein Gefühl dafür: Dein Körper ist nicht ein Ding, eine Büchse, in der du steckst, oder ein Pferd, dass du mehr oder weniger erfolgreich zugeritten und dressiert hast; dein Körper ist ein komplexes, wunderschönes Geschehen. Er ist genau wie das Wetter heute anders als gestern und morgen, beim Auftritt noch einmal anders. Er ist eine gewaltige, hochsensible Antenne, die ständig Signale aus der Hörerschaft aufnimmt und verarbeitet, und nur ein kleiner Teil dringt zu deinem Begreifen durch. Er ist Antenne und gleichermaßen ein hochwirksamer Sender, der nicht nur Sachinhalte über Worte transportiert, sondern auch zu Einstellungen einlädt (oder sie blockiert), der für Eingebungen, Inspirationen und Begeisterung öffnet. Würdige, schätze deinen Körper. Er will dein Freund sein. Er ist bereit, bei dieser Rede dich zu unterstützen. Und das möchte er auf seine eigene Weise tun. Vertrau ihm.

Atem:

Ja, schon wieder der Atem. Vielleicht kannst ja irgendwann aufhören, diese Zeilen, die sich mit dem Atem beschäftigen, zu überlesen, weil sie scheinbar unspektakulär sind und nichts neues bieten. Vielleicht kannst du irgendwann – jetzt? – eine Pause im Lesen machen, und ein paar Züge lang auf deinen Atem achten, lauschen, so wie er jetzt kommt und geht. Dein Atem transportiert ständig – außer der Luft - einen Strom von Informationen von außen, besonders von deinem Publikum in dich hinein. Du kannst es vielleicht nicht auf einen Begriff bekommen, aber du kannst in Kontakt damit kommen. Wie frei oder wie beklemmt ist dein Atmen gerade? Wie schnell, wie langsam, wie tief, wie flach? Mach nichts! Lausche!

Tempo:

Das Tempo, mit dem du beginnst, die Zeit, die du dir und den andern einräumst, um beim Thema anzukommen und von einem Punkt zum nächsten zu schreiten, die Pausen, die du dir gönnst, um kurz in dich hinein zu fühlen und dich auf deine nächste Aussage einzustimmen – all das trägt bei, deine Rede zu einer gemeinsamen Erfahrung zu machen, jeden mitzunehmen und denen, die – aus welchen Gründen immer - für einen Moment ausgestiegen sind, die Möglichkeit zu bieten, den Anschluss wieder zu finden.

Blick:

Lies doch den Praxistipp über die Blick-Präsenz (es war der 7. Tipp für die Ausarbeitungs-Phase) noch mal. Lass deinen Blick ruhen, er braucht nicht aufzupassen, er braucht nichts zu kontrollieren. Lass ihn einfach wach und offen dabei sein. Durch deinen Blick sagst du: Ich bin da, du bist da, ihr seid da, und das ist sehr gut. Oel ngati kameie – Ich sehe dich.

Ein Kunstwerk in Raum und Zeit

Solange du deine Rede lediglich als eine Übermittlung von Information siehst, bekommst du nur einen kleinen Ausschnitt dessen mit, was wirklich geschieht. Vielleicht verstehst du deine Rede auch als einen Anstoß der Motivation, aber auch das bleibt bei einem linearen Geschehen stehen, sieht nur eine von mindestens drei Dimensionen des Geschehens.

Ich würde mir hier gerne den Begriff der „Sozialen Plastik“ von Joseph Beuys borgen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn etwas anders als von ihm intendiert zu benutzen. Ich sehe die Rede als eine Performance, ein Kunstwerk, das im Raum der vielen Individuen aufgrund deiner Impulse entsteht und eine mental-emotional-intuitive Form annimmt, die selbst in ständiger Veränderung begriffen ist. Etwas blumig gesagt: Diese soziale Skulptur oder Plastik knospt mit deinen ersten Worten, wächst und blüht im Verlauf der Rede, bringt ihre spezielle Frucht hervor - ein inspirierendes gemeinsames Erlebnis - und vergeht wieder.

Der Bauplan der Plastik ist einfach, aber er verlangt deine ganze Präsenz:

Die Mitte ist die Stille (die Offenheit, das Hören, das Aushalten des scheinbaren Nichts), der du dich irgendwann im Verlauf der Vorbereitung geöffnet hast. Während der Rede genügt es, Sekundenbruchteile Kontakt dazu aufzunehmen mit einem bewussten Atemzug.

Darauf wie auf einem Sockel stell dir die Kern-Energie, den felt sense (den Spür-Sinn, der 6. Praxis-Tipp für die Anfangsphase) deiner Rede.

Darum herum ordnest du, baust du deine Aussagen, und jeder Hörer und jede Hörerin bauen darum herum das, was sie hörend aufnehmen sowie ihre Reaktionen darauf, ihre Assoziationen und ihre scheinbar gar nicht zum Thema gehörenden Einfälle.

Ein Kunstwerk, und jeder und jede ist Mit-Schöpfer.

Also vielleicht ist das jetzt zu wenig pragmatisch für dich. Es geht mir einfach darum, dass du deine Hörerinnen und Hörer, das einmalige WIR dieses Anlasses, mit Wertschätzung, Neugierde und Respekt siehst. Auch wenn sie den Mund halten – sie reden mit.